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Deutsch lernen in der Slovakei – Ein Interview

März 25, 2015

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Länderdossier Interview Volume 1: DEUTSCH IN DER SLOWAKEI

Interview mit Veronika (23) aus der Slowakei, sie arbeitet derzeit in Zürich

Susi:
Veronika, was fällt die als Erstes ein, wenn du an die Slowakei denkst?

Veronika:
Berge! Die Slowakei ist wirklich ein tolles Land. In der Mitte, im Herzen der Slowakei befinden sich viele Berge, die Hohe Tatra und die Niedere Tatra. Immer wenn ich von Bratislava in den Osten – nach Hause – fahre, muss ich an den Bergen vorbei. Ich sehe sie also immer, wenn ich nach Hause fahre.

Susi:
Das hört sich wunderbar an! Was, denkst du, sind Gemeinsamkeiten zwischen der Slowakei und Deutschland, beziehungsweise der Slowakei und der Schweiz?

Veronika:
Die Aussprache der Sprache! Unsere hat einen harten Akzent und das unterscheidet unsere Sprachen von anderen. Wenn Italiener beispielsweise sprechen, so scheint es, als ob sie singen. Die Slowaken und Deutschen sprechen so korrekt, dass sie immer verstanden werden. Die harte Aussprache der Wörter im Slowakischen ist dem Deutschen sehr ähnlich. Ich denke auch, dass das Essen irgendwie gleich ist. (lacht)

Susi:
Inwiefern?

Veronika:
Wenn ich in ein Restaurant in Deutschland oder der Schweiz gehe und etwas für das Land Typisches essen möchte, so erinnert mich das immer an zuhause. Weißt Du, beispielsweise „Knödel“ oder solche Dinge sind genau dasselbe, was meine Mutter zuhause auch kocht.

Susi:
Interessant! Mal anders herum gefragt: Was würdest du als einen großen Unterschied beschreiben?

Veronika:
Ein Unterschied? Hmn, ich denke, dass du herausfinden musst, wie das alles so abläuft. Ich meine damit – und das ist nicht nur so, wenn man nach Deutschland oder in die Schweiz zieht –, dass man herausfinden muss, wie alles in diesem Land funktioniert. So musst du zum Beispiel wissen, wie das mit der U-Bahn oder dem Gemeindehaus abläuft. Du musst einfach wissen, wie das alles funktioniert und das kann eben auch sehr komplex sein. Ein anderer Unterschied ist das Denken der Menschen: In der Slowakei denken die Leute sehr viel einfacher. So haben sie vom Leben und der Zukunft in etwa eine Meinung wie: „Ja, okay, lass uns jetzt heiraten und Kinder bekommen.“ Im Westen hingegen, wie beispielsweise in Deutschland oder der Schweiz, ähnelt es eher diesem: „Okay, vielleicht sollten wir erst ein Haus haben und einen guten Job, bevor wir Kinder in die Welt setzen.“ Deutsche leben eben nicht nur für den Moment oder denken nicht nur über das Momentane nach. Sie planen.

Susi: Okay. Lernen denn viele Slowaken Deutsch?

Veronika:
Viele, denke ich.

Susi:
Und warum, denkst du, lernen sie Deutsch?

Veronika:
Das müssen sie, wegen der Arbeit. Es gibt viele junge Leute, die wegen der Arbeit nach Deutschland kommen und es gibt auch sehr viele ältere Menschen oder auch ältere Ladies, die noch beginnen, Deutsch zu lernen. Meine Mutter zum Beispiel hat mit 40 angefangen, Deutsch zu lernen, weil sie einen Job in Österreich bekommen hat und dies ist nun einmal ein deutschsprachiges Land. Sie musste die Sprache eben lernen. Meiner Meinung nach ist es viel schwieriger, Deutsch im Alter von 40 zu lernen, als mit 20 oder wenn man noch zur Schule geht. Eine andere Sache ist, dass Slowaken zwei Fremdsprachen lernen müssen: Die erste ist Englisch und die zweite ist Deutsch. Und deshalb denken die Leute auch, dass Deutsch einfacher ist, als beispielsweise Russisch – aber das ist nicht wahr. Trotzdem lernen sie Deutsch, weil sie sich gezwungen sehen, Deutsch zu können, wenn sie ins Ausland möchten. Auch wenn sie Englisch lernen, so hilft es ihnen nur bedingt weiter, wenn sie gar nicht so weit weg wie bis nach Großbritannien wollen. In diesen Fällen wählen sie nämlich zumeist Deutschland oder Österreich.

Susi:
Das ist interessant! Also hattest du die Wahl, ob du Russisch oder Deutsch in der Schule lernen wolltest?

Veronika:
Ja.

Susi:
Und du hast dich für Deutsch entschieden. Warum?

Veronika:
Um ehrlich zu sein: Wenn mich jemand nach Russland oder Deutschland gefragt hätte, dann hätte ich gesagt, dass Deutschland für mich einfach das höher entwickelte Land ist. Und wenn ich entscheiden müsste, wohin ich in den Urlaub fahren möchte, wäre Deutschland natürlich meine erste Wahl gewesen.

Susi:
Was war für dich das Schwierigste am Deutschlernen?

Veronika:
Oh, da gibt es schon einige Schwierigkeiten, die ich nennen könnte. Zum Beispiel den Kasus: Nominativ, Genitiv, Dativ und Akkusativ. Das fällt mir schwer, auch wenn wir im Slowakischen ebenfalls ein Kasussystem haben. Eine andere Sache ist noch, dass ich mich einfach nicht daran gewöhnen kann, dass im Nebensatz das konjugierte Verb an letzter Stelle steht. Ich kenne die Regel, aber ich verstehe nicht, warum das Verb an das Ende soll! (lacht)

Susi:
Ich denke, dieses Problem haben einige andere Deutschlerner auch – also keine Sorge. Kannst du mir sagen, was für dich sehr einfach beim Deutschlernen war?

Veronika:
Das Einfachste war für mich, die Vokabeln des täglichen Lebens zu lernen. Weißt du, wenn ich zur Arbeit fahre oder mit den öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs bin, steht da ja alles auf Deutsch. Das war für mich eine sehr gute Chance, den ganzen Tag Vokabeln zu lernen. Ich hatte nie Probleme, mich an die Wörter des täglichen Lebens zu erinnern.

Susi:
Eine letzte Frage an dich, Veronika. In vergangenen Unterrichtsstunden hast du mir erzählt, dass es deutsche Wörter im Slowakischen gibt. Kannst du mir ein Beispiel geben?

Veronika:
Aha! Mein Großvater hatte immer ein frühstück. Und meine Mutter spricht immer von frischer luft. Ich bin mir nicht sicher, ob das auch Deutsch ist, aber meine Großmutter pflegte, mich immer zu fragen, ob ich noch neue strümpfle bräuchte. Ebenfalls ein deutsches Äquivalent könnte knödel sein, weil es im Slowakischen knedlík heißt. Wie sagst du im Deutschen „floor“?

Susi:
„Floor“. Hmn, da passt „Flur“ am besten.

Veronika:
Ja! Im Slowakischen sagen wir diele.

Susi:
Ja, natürlich! „Diele“ ist ebenfalls richtig!

Veronika: „Du musst die Diele sauber machen!“ (lacht)

Susi:
Veronika, vielen Dank, dass du dir die Zeit genommen hast, diese Fragen zu beantworten. German Online Institute und ich wünschen dir alles Gute und weiterhin viel Erfolg beim Deutschlernen!

Verbindung der Slowakei zum Deutsch Lernen

Die Slowakei ist ein europäisches Land, welches östlich von Österreich und im Süden von Tschechien und Polen liegt. Wie wir aus dem Interview mit Veronika erfahren konnten, gibt es in der Slowakei die Hohe Tatra und die Niedere Tatra. Beide sind Teil des Tatra-Gebirges, welches zu zwei Dritteln zur Slowakei gehört.

Die Hauptstadt Bratislava mit ihren circa 400.000 Einwohnern ist die größte Stadt der Slowakei und liegt direkt an der Grenze zu Österreich. Slowakisch gehört zu den westslawischen Sprachen.

Durch die gemeinsame Vergangenheit mit Tschechien, ähneln sich die beiden Sprachen – Slowakisch und Tschechisch – sehr. Für Veronika ist es deshalb kein Problem, Tschechen zu verstehen – und umgekehrt. Sieht man sich die Geschichte der Slowakei genauer an, so fällt auf, dass zum Zeitpunkt der Gründung der Tschechoslowakei, die Bevölkerung zu 23% aus Deutschen bestand. Erst 1944, bei einem großen Nationalaufstand, wurde der deutsche Teil der Bevölkerung vertrieben. So lässt sich möglicherweise erklären, warum Veronikas Eltern und Großeltern ab und zu einmal ein deutsches Wort benutzen.

Der EU-Beitritt der Slowakei im Jahr 2004 beeinflusste das Angebot an Fremdsprachen in den weiterführenden Schulen sehr stark.

1 Wie wir von Veronika erfahren haben, wird in der Sekundarstufe I und II Englisch als erste Fremdsprache unterrichtet und den Schülern wird dann die Wahl gelassen, welche zweite Fremdsprache sie erlernen möchten. In der Slowakei gibt es etwa 5.300 DeutschlehrerInnen, wobei circa 40% der Schüler in den Oberstufen auch Deutsch als Fremdsprache lernen. Ziel des Deutschunterrichts in den slowakischen Schulen ist es, dass die Schüler mit Abschluss 1 Hockiková 2010: 1794 des Gymnasiums ein Sprachniveau von A2 bis B1 nach dem Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmen haben.

2 Auch Veronika hat am German Online Institute auf dem Niveau A2 begonnen und kann auf das Wissen, das sie in der Schule erworben hat, aufbauen. Literatur: Hockicková, Beáta (2010): Deutsch in der Slowakei. In: Krumm, Hans Jürgen; Fandrych, Christian; Hufeisen, Britta; Riemer, Claudia (Hrsg.): Deutsch als Fremd- und Zweitsprache. Ein internationales Handbuch. 2. Halbband. Mounton: de Gruyter, 1793 – 1796 2 Ebd.: 1796

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